16. Juli 2012

INFAMOUS Interview

Nancy Zhang von “The Sea of Fertility”

von Vida

Wir treffen die Bloggerin und Modeillustratorin Nancy in einem kleinen chinesischen Café in der Mulackstraße in Berlin Mitte. Sie trägt einen langen blauen Faltenrock kombiniert mit einer schwarz-weiß karierten Bluse ohne Kragen. Dazu schwarze Ballerinas von Chanel, einen fast bodenlangen, lässig sitzenden Trenchcoat in Beige und einen herrlichen Strohhut mit schwarzer Schleife. Elegant und verspielt. Das Outfit wirkt fast ein bisschen so, als ob sie einer Modeillustration der 20er Jahre entschlüpft sei. Ihr schönstes Accessoire trägt Nancy jedoch im Gesicht: ein breites Lächeln. Das legt sie auch während des ganzen Interviews nicht ab. Man kann der kleinen, zierlichen Chinesin die pure Lebensfreude und positive Energie ansehen, die sie oftmals im Gespräch erwähnt.

Ein Blog ist für mich ein Weg zum Erkenntnis-gewinn.

Nancy mit unserer Redakteurin Vida

Infamous: Aus welchem Grund hast Du angefangen, Deine Arbeit und Meinung in einem Blog zu veröffentlichen?
Nancy:
Ich arbeite schon länger als Modeillustratorin. Mit meinem Blog wollte ich auf der einen Seite eine Plattform schaffen, auf der ich meine Arbeit präsentieren und mich selbst immer wieder herausfordern kann, um so härter an mir selbst zu arbeiten. – Ein Blog ist eine großartige Kontrolle für Dich selbst, um am Ball zu bleiben. – Auf der anderen Seite wollte ich die Chancen nutzen, die ein Blog bietet, sich mit anderen auszutauschen.

I: Also war es Dir wichtig, Deine Arbeit mit anderen zu teilen, sie zu zeigen, um Dich öffentlicher Kritik auszusetzen?
N:
Nicht nur das. Auf einem Blog findet ein echter Austausch statt, ein Informations- und ein Wissensaustausch. Meine Leser kommentieren meine Einträge und Arbeiten und haben vielleicht einen ganzen anderen Blickwinkel. Das bringt mich dazu, Dinge aus einer neuen Perspektive zu betrachten, auf die ich ohne sie nicht gekommen wäre. Dieser Austausch bringt mich weiter und hilft mir, meine Arbeit zu verbessern. Es ist ein toller Weg zum Erkenntnisgewinn.

I: Gibt es ein bestimmte Vision oder ein Leitmotiv, das Du mit Deinem Blog vermitteln möchtest?
N:
Ich versuche, zu motivieren. Meine Lebenseinstellung ist, alles positiv anzugehen. Denn wenn Du mit negativer Energie durch den Tag gehst, hast Du schon verloren. Ich komme aus einer reinen Künstlerfamilie. Meine Großmutter war Malerin, mein Vater und meine Mutter sind Designer. Sie haben meine Lebenseinstellung stark beeinflusst und auch bestärkt; sie haben mir die Tür zu Welt der Kreativität und die Augen für die Lebensfreude geöffnet. Diese positive Energie versuche ich durch meinen Blog weiterzugeben.

I: Auf Deiner Seite zeigst Du Illustrationen, die wie Selbstporträts scheinen. Spiegeln sie wirklich Deinen Blick auf Dich selbst wider?
N:
Ich würde nicht sagen, dass das Selbstporträts sind. Vielmehr sind es Charaktere, die meine Laune in dem Moment, in dem ich die Bilder zeichne, wiedergeben, eine Momentaufnahme meines inneren Zustandes. Es geht also eher um meine Emotionen als um Selbstporträtierung.

infamous-magazine.com

Nancy in Berlin am Tag unseres Interviews

I: Welche Blogs liest Du denn selbst am liebsten?
N:
Meine Lieblingsblogs sind Le Fashion, Style Rookie, The Man Repeller.

I: Als kreativer Kopf und Modebloggerin hast Du auch einen sehr eigenen Modestil – wie würdest Du ihn beschreiben?
N:
Romantisch, dramatisch und künstlerisch. Ich kaufe grundsätzlich nur Teile, die einen künstlerischen Angang besitzen und besonders originell sind. Ich liebe aus diesem Grund beispielsweise Alexander McQueen. Das ist die perfekte Mischung aus dramatisch, künstlerischer Inszenierung und tragbarer Mode. Er ist ein wahres Genie gewesen! So innovativ. Auch wenn er nicht mehr lebt, kann man McQueens Geist noch in jeder Kollektion spüren, wenn Sarah Burton die Mode auch etwas eleganter und tragbarer gestaltet.

Man muss alles ausprobieren und viele Fauxpas begehen, um seinen eigenen Stil zu finden.

I: Was war Dein größter Fashion-Fauxpas?
N:
Ich bin ein sehr experimentierfreudiger Mensch. Es gab mal eine Zeit, da habe ich diesen „Boyfriend-Style“ ausprobiert: weite Hosen und Schlabber-T-Shirts. Aber aus irgendeinem Grund hat sich das ganz und gar nicht richtig angefühlt, und irgendwie sah es auch ganz und gar nicht richtig aus. Aber ich denke, man muss alles mal ausprobieren; ja, man muss viele Fashion-Fauxpas begehen, um seinen eigenen Stil zu finden.

I: Was ist Dein Lieblingsstück in Deinem Schrank?
N:
Hmmm… oh ja! Ich weiß es: [Nancys Grinsen wird noch breiter] meine Jacke von Erdem! Ich habe sie im Winter gekauft, an einem Tag, an dem es kalt und grau draußen war. Als ich die Jacke in saftigen Grün und mit sommerlichen Mustern bedruckt sah, wurde mir ganz warm ums Herz und ich hab augenblicklich an die Wärme des Frühlings gedacht. Ich musste sie haben. Sie macht mich einfach so glücklich – jedes Mal wenn ich sie im Schrank sehe. [Ein Bild von Nancy mit ihrer Erdem-Jacke könnt Ihr ganz oben am Anfang dieses Artikels sehen.]

I: Gibt es ein besonderes Fashion-Item, das Du immer bei Dir trägst?
N:
Oh ja! Es mag vielleicht nicht besonders stylisch sein, aber es hat einen sehr tiefen Sinn und unermesslichen Wert für mich [Nancy schwenkt ihr linkes Handgelenk und zeigt uns zwei Armbänder mit dicken Holzperlen]. Vor einiger Zeit bin ich einem Mönch begegnet, der mir diese Armketten schenkte. Er meinte, dass sie mich beschützen und segnen würden. Ich bin eine sehr gläubige Buddhistin und lege diese beiden Teile nie ab. Sie geben mir Kraft und versorgen mich mit positiver Energie.

I: Wo siehst Du Dich in zehn Jahren?
N:
Ich hoffe, dass ich in zehn Jahren intelligenter, eleganter und weiser bin. Ich möchte so viel wie möglich erleben, mich nichts gegenüber verschließen und eine Cross-Over-Künstlerin werden: Nur Illustrationen oder nur Mode ist nicht genug für mich. Ich will in jedem dieser Gebiete Dinge lernen und dieses Wissen in das jeweils andere einfließen lassen. Das wäre mein Traum.

I: Vielen Dank für das Interview.

Mehr zu Nancy und ihren Modeillustrationen, von denen Ihr hier einige sehen könnt, findet Ihr in Nancys ausgezeichnetem Blog The Sea of Fertility (engl.). Er ist auf jeden Fall einen Besuch wert!

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