15. Juni 2012

INFAMOUS Interview

Modeopfer110

von Vida

Wir treffen die Initiatorinnen des Modeportals "Modeopfer110" in ihrem Büro in Berlin-Friedrichshain. Anja und Berit wirken fast wie Schwestern. Man merkt den beiden von Beginn an, dass sie schon viele Jahre miteinander arbeiten und irgendwie "auf derselben Welle reiten". Beide wirken geerdet, sie wissen, was sie tun und sehen die Modeindustrie als das, was sie ist: ein Business.

Anja (links) und Berit (rechts) mit unserer Redakteurin Vida

Unser Ziel war es, ein Portal aufzubauen, das wie ein Nachschlagewerk funktioniert.

I: Was ist die Mission von Modeopfer110?
Berit: Unsere Mission war uns von Anfang an klar. Da wir aus der Modebranche kommen, Design studiert haben und auch in der Modeindustrie gearbeitet haben, ist uns aufgefallen, dass es keine Seite im Web gibt, die wirklich gezielt jegliche Art von Informationen zum Thema Mode sammelt, sodass man wirklich alles übersichtlich zusammen hat; zum Beispiel wie man sich bewirbt, wie das "System Mode" eigentlich so läuft. Wir selbst haben oft nach solch einer Seite gesucht, sind aber bei dieser Suche vom Angebot nie befriedigt worden. Als wir uns dann selbstständig gemacht haben, war es unser Ziel, ein Portal aufzubauen, das wie ein Nachschlagewerk funktioniert; dass man alles sammelt, was wichtig ist, und alle Infos rund um Mode als Job und die Modeindustrie auf einen Blick hat.

I: Gibt es auch News, so wie beispielsweise bei Spiegel Online? Oder seht Ihr Eure Seite in erster Linie als Hilfswerkzeug?
Berit: Sie soll schon ein Hilfswerkzeug sein, aber natürlich liefern wir auch News. Die sind dann aber eher trendorientiert und keine tagesaktuellen Themen, wie sie auf Blogs zu finden sind. Wir präsentieren zeitnahe, aktuelle Trends, wie zu einer bestimmen Jahreszeit oder welche Labels neue Kampagnen und Produkte rausgebracht haben. Dabei geht es nicht nur um Brancheninternes, sondern um das, was uns selbst auch gefällt und wovon wir denken, es könnte anderen auch gefallen. Das nehmen wir zusätzlich auf.

I: Wie kam es zum Namen „Modeopfer110“?
Anja (schmunzelt): Als die Idee feststand, dass wir dieses Portal nun wirklich umsetzen, war natürlich die Frage, wie betitelt man das Ganze anständig. Da wir uns im Laufe unseres Lebens schon etliche Male als „Opfer der Mode“ gesehen haben, dachten wir, das wäre ganz passend. Während des Studiums zum Beispiel, wenn Du zu einem bestimmen Thema recherchieren musstest und nirgendwo die richtigen Infos finden konntest; oder Du stehst stundenlang hilflos vor Deinem Kleiderschrank und weißt nicht, was Du anziehen sollst; oder Du nähst bis spät in die Nacht im Atelier und denkst Dir irgendwann: Was machst Du hier eigentlich? All diese verzweifelten Momente, die wir dank der Mode erleben durften, machen uns doch letztlich zu ihrem Opfer. Da es eine deutschsprachige Seite ist und wir einen deutschen Namen wollten, haben wir dann einfach das Wort "fashion victim" ins Deutsche übersetzet, was eben soviel bedeutet wie "Modeopfer". Die 110 hintendran soll an einen Notruf erinnern (lacht). Wir sind quasi eine ambulante Hilfe für Modeopfer!

I: Ihr tretet ja selbst nicht so in Erscheinung auf Modeopfer110. Wieso nicht?
Berit: Das ist einfach nicht so unser Konzept und vor allem auch nicht unsere Art. Die Bedingung für das Portal war, dass es professionell werden sollte und der Fokus auf der Übertragung von Informationen liegt, nicht auf uns als Personen.

modeopfer110.de

Der Stern zählt die beiden zur "neuen Geschmackselite"

Nach jahrelanger Arbeit im Modebusiness als Designer ist uns klar geworden, dass wir das eigentlich nicht mehr machen wollen.

I: Gab es bei Euch eine Entwicklung vom Blog zu Modeportal oder wie hat alles angefangen?
Berit: Wir haben unsere Jobs als Designer gekündigt und sind dann erst einmal mit einem Blog online gegangen, damit überhaupt irgendetwas passiert. Danach saßen wir ca. ein halbes Jahr im stillen dunklen Kämmerlein und haben an unserer Seite gebastelt, bis wir zufrieden waren. Die Kategorien waren uns von Anfang an klar und die bestimmen ja auch unseren Aufbau: Tipps für Studium und Praktika, Labelverzeichnis und aktuelle News. Diese Kategorien haben uns das Gerüst geliefert, aber nach wie vor stocken wir unser Inhaltsverzeichnis auf.

I: Wie habt Ihr Euch denn überhaupt kennengelernt?
Anja: Wir haben uns während des Studiums in Trier kennengelernt. Ich bin dann ins Ausland und Berit zum deutschen Modelabel Schumacher gegangen, bei dem ich dann später auch einen Job als Designerin bekam. Nach jahrelanger Arbeit im Modebusiness als Designer ist uns dann klar geworden, dass wir das eigentlich nicht mehr machen wollen und dass etwas anderes her muss. So nahm die "Modeopfer"-Story ihren Lauf.

I: Ihr seid kein Blog im klassischen Sinne. Als was seht Ihr Euch selbst?
Anja: Wir sind ein Modeportal, da wir facettenreich aufgebaut sind. Du kannst bei uns rumstöbern und gezielt Informationen suchen. Wir haben keinen chronologischen, sondern kategorisierten Aufbau. Wir sehen uns absolut nicht als Blogger. Erstens sind wir irgendwie aus dem Alter raus und zweitens verfolgen wir auch den Gedanken, dass wir mehr oder weniger objektiv informieren wollen. Unsere Arbeit liegt im redaktionellen Bereich, die eines Bloggers darin, bestimmte Dinge zu bewerten und zu teilen und das Ganze aus einer subjektiven Sicht heraus.

Wir sehen uns absolut nicht als Blogger.

I: Lest Ihr denn ab und zu mal Blogs? Oder gibt es welche, die Ihr verfolgt?
Anja: Naja, berufsbedingt schon. Zur Recherche oder um nach neuen Trends zu suchen, ist das eine großartige Plattform, aber ich häng mich jetzt nicht jeden Morgen vor den Computer, um meine Lieblingsblogs zu verfolgen, die ich im Übrigen auch nicht habe. Auch hier geht es wieder darum, Informationen zu sammeln und auszuwerten, und Blogs fangen Trends und den Zeitgeist der aktuellen Mode wunderbar ein - eine super Basis zum Recherchieren also.

infamous-magazine.com

Wie der "Brockhaus" für Stylefragen: die Website Modeopfer110.de

I: Gab es in der Geschichte von Modeopfer110 eine Situation, in der das Projekt kurz vor dem Scheitern stand?
Anja:
Wir haben bis jetzt Glück gehabt, immer hoch motiviert an unsere Arbeit zu gehen. Es war unser Traum und unser Konzept, unser Baby. In schwierigeren Momenten haben wir uns immer gesagt: Irgendwie werden wir das schon hinbekommen. Wenn dann mal etwas nicht so lief, wie wir uns das vorgestellt haben, dann haben wir eben ein paar Änderungen vorgenommen. Wir haben uns immer weiterentwickelt. Ich denke, das ist auch der Schlüssel zum Erfolg. Veränderung und Verbesserung durch Problemerkennung.

I: Ihr habt beide als Designer gearbeitet. Vermisst Ihr es nicht, Euch kreativ auszuleben?
Berit (lacht):
Diese Frage haben wir schon sooo oft gehört. Tatsächlich haben wir bei dem, was wir jetzt machen, eine viel größere Freiheit, was Kreativität und Gestaltung angeht, als wir je als Designer hatten. Als Designer sitzt Du meist stundenlang vor dem Computer, setzt Striche zusammen, designst, was Dir vorgegeben wird und musst Dich am Ende noch mit Produzenten streiten, wenn die das nicht so umsetzten, wie es abgemacht war. Alles sehr unglamourös und gar nicht kreativ. Jetzt sind wir unsere eigenen Chefs, arbeiten jeden Tag kreativ und können etwas erschaffen, das wir selbst bestimmen.

Anja: Absolut! Du kannst Dich vielleicht in einem Spielraum von ein paar Zentimetern kreativ austoben, aber letztlich musst Du in die vom Designer und Markt vorgegebene Richtung gehen. Du musst Deine eigenen Ideen also immer weiter runterschrauben. Und bei dem, was wir tun, liegt die Kreativität darin, auf verschiedene Einflüsse zu reagieren, diese zu erkennen und zu analysieren. De facto ist das, was wir jetzt machen, kreativer denn je!

I: Wo seht Ihr Euch denn in zehn Jahren?
Berit:
Woanders!

I: Wie, Moment mal, nicht hier im schönen Modeopfer110 Büro?
Berit: Naja, wir denken nicht in so großen Schritten. Wenn wir etwas gelernt haben, dann dass es im Leben so viele Variablen gibt, dass es keinen Sinn hat, sich einen 10-Jahres-Plan zu machen. Das war von vornherein auch unser Motto: Einfach machen! Die ganze Sache soll ja auch Spaß bringen und solange es das tut und die Seite läuft, werden wir das auch noch weiterhin machen.

I: Vielen Dank für das Interview.

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