10. August 2012

INFAMOUS Interview

Mit Maritsa von “Maritsa.co”

von Jules

Mode in einem Land, das von der islamischen Kultur geprägt ist – kann das funktionieren? Ja! Bloggerin Maritsa beweist seit mehreren Jahren, dass es geht. Auf Maritsa.co teilt die türkische Fashionista ihre Outfits mit Followern auf der ganzen Welt. Wir haben sie in Istanbul für Euch getroffen.

Maritsa bei unserem Interview über den Dächern von Istanbul

Infamous: Maritsa, seit wann existiert Dein Blog?
Maritsa:
Seit 2010, ich blogge seit zwei Jahren.

I: Und bereits jetzt ist Dein Blog sehr bekannt und beliebt. Woran liegt's?
M:
Stimmt, irgendwie wächst er sehr schnell, aber ich weiß nicht so genau warum. Vielleicht weil ich auf Englisch schreibe? Ich hatte zuerst einen anderen Blog mit einem anderen Namen, den ich nur auf Türkisch geschrieben habe, bis ich dann realisiert habe, dass ich so nicht weiter komme. Ich habe gemerkt, dass ich den Blog verbessern muss, wenn ich damit in Zukunft Erfolg haben will. Also bin ich von Blogspot weg und habe meine eigene Seite gemacht. Neuer Name, neues Layout und eben auf Englisch.

In dem Zug habe ich mich auch dazu entschlossen, mich mehr auf Mode zu konzentrieren und den Blog visuell stärker zu machen. Deswegen habe ich mir auch eine neue Kamera zugelegt, denn man braucht qualitativ gute Fotos, wenn man einen Style-Blog machen will. Danach habe ich mich bei Lookbook.nu angemeldet, mehr Details fotografiert, mehr auf Farben geachtet. Das war wohl der Punkt, an dem ich bekannter wurde, auch weil ein paar meiner Outfits auf Lookbook zum "Hottest of the Day" gekürt wurden. So sind viele auf meinen Blog aufmerksam geworden.

Mit dem Blog habe ich übrigens nicht angefangen, um berühmt zu werden, sondern um meine Leidenschaft für die Mode auszuleben. Zu der Zeit studierte ich Psychologie, wollte aber in die Modeindustrie – und dafür musste ich Erfahrungen sammeln. Ein Blog schien mir eine gute Grundlage zu sein, um professioneller an die Mode heranzugehen. Dass er so groß werden würde, hatte ich nicht geahnt.

I: Arbeitest Du noch nebenbei, oder ist der Blog Dein Hauptberuf?
M:
Nein, er ist nach wie vor ein Hobby. Ich arbeite jetzt als Moderedakteurin, habe gerade erst beim Art-Magazin angefangen. In den ersten acht Monaten nach dem Studium, als der Blog immer beliebter wurde, fingen verschiedene Department-Stores an, mir Jobs als Fashion Buyer anzubieten. Ich dachte mir: "Das ist es! Das wolltest Du immer machen – Dein Traumberuf, für den Du mit dem Bloggen angefangen hast!" Nach sechs Monaten war ich damit aber nicht mehr zufrieden und es wurde zu langweilig. Ein klassischer "Nine-to-Five-Job".

Man darf zwar auch ein bisschen herumreisen, aber in der Hauptsache war es Büroarbeit. Darum habe ich jetzt auch den Job gewechselt. Natürlich verdiene ich auch Geld mit dem Blog. Gerade erst hatte ich eine Kooperation mit der Vogue für eine Fernsehkampagne. Das war ziemlich aufregend für mich.

I: Das klingt sehr gut!
M:
Das war und ist es auch, auch wenn es nicht mein Hauptberuf ist. Ein bisschen was kommt so schon in die Kasse…

I: Wie würdest Du Deinen Stil beschreiben?
M:
Das kommt ganz auf den jeweiligen Tag an, darauf, wie ich mich fühle, wenn ich aufwache. Generell mag ich aber maskuline Kleidungsstücke wie Anzüge, Jeans und Boyfriendblazer. Mein Stil ist also ein Mix aus Femininität und Maskulinität. Ausserdem liebe ich Statement-Ketten, große Schmucksteine, hübsche Schuhe und elegante Taschen. Aber wie gesagt, irgendetwas im Boyfriend-Style spielt immer mit rein. Ich möchte einfach nicht aussehen wie eine Hausfrau aus den 1950ern.

Die Leute in Istanbul haben ein sehr gutes Gespür für Mode.

I: Welche Rolle spielt Mode in Istanbul? Wird Dein Style von der Stadt beeinflusst?
M:
Natürlich beeinflusst die Stadt meine Kleiderwahl! Man muss zum einen bedenken, dass sich unsere Modeindustrie noch im Aufbau befindet. Wir sind neu im Geschäft. Wir haben zwar Modedesigner, aber eigentlich nur zwei, die auch weltweit bekannt sind. Es gibt aber viele ehrgeizige Jungdesigner, die hart daran arbeiten, ganz nach oben zu kommen. Erst seit ein paar Jahren haben wir eine Fashionweek hier.

Zum anderen heißt das für mich aber auch, dass ich mir sehr genau überlegen muss, was ich anziehe – je nachdem, wo ich hingehe oder auch wie ich dorthin komme. Es ist eben nicht Westeuropa: Nimmt man die U-Bahn, gibt man sich lieber etwas hochgeschlossener, fährst Du mit dem Taxi, kannst Du schon etwas mehr Haut zeigen. Generell sollte man aufpassen, wie man auf der Straße rumläuft.

Das soll jetzt nicht negativ klingen, aber die Menschen hier sind eben noch nicht ganz so aufgeschlossen wie anderswo. Ich könnte hier zum Beispiel nicht einfach nur ein Bikini-Oberteil zu Hotpants anziehen. So etwas ist vielleicht in Städten wie London, Paris oder Mailand möglich, aber in Istanbul musst Du einfach an den Staat denken. Auch deswegen ist die Modeindustrie übrigens noch nicht auf dem Stand, auf dem wir sie gerne hätten. Aber vielleicht ja in fünf bis zehn Jahren. Die richtige Zeit dafür kommt jedenfalls noch.

I: Glaubst Du, dass Religion im Bezug auf Mode eine große Rolle in Istanbul spielt?
M:
Nein. Zumindest habe ich das so nie wahrgenommen. Es ist vielleicht verboten, islamische Motive in Designs und als Schmuck zu benutzen, aber ansonsten eher nicht.

I: Findest Du, dass sich die Menschen in Istanbul gut anziehen?
M:
Ja, sie haben ein gutes Gespür für Mode! Das Schöne hier in Istanbul ist, dass sich der Style aus vielen verschiedenen Styleelementen zusammensetzt. Manchmal siehst Du Frauen, die aussehen als kämen sie aus Paris, manchmal einen Typen, der gut nach Mailand passen würde. Wieder ein anderes Mal sieht man Menschen in sehr künstlerischem "Berlin-Style". Je nachdem, in welchem Stadtteil Du bist, bekommst Du zahlreiche Beispiele unterschiedlichster Styles. Es gibt hier eine große Vielfalt. Ich mag das.

I: Du erwähntest gerade London, Berlin, Mailand und Paris. Reist Du viel dorthin?
M:
Ja, ich reise viel – gerade auch nach London, weil dort meine Schwestern mit ihren Ehemännern leben. Auch in Paris war ich schon dreimal. Am Anfang waren das typische Touri-Reisen, aber jetzt bin ich für die Fashion-Weeks da. Übrigens auch im kommenden September wieder.

I: Besuchst Du die Shows für Deine Arbeit oder für Deinen Blog?
M:
Ich fahre für den Blog hin. Darüber bekomme ich die meisten Einladungen. Eigentlich sollte es mir ja als Moderedakteurin leichter fallen, auf die Schauen zu kommen, aber es läuft trotzdem über Maritsa.co. Das ist ein großartiger Vorteil, wenn man einen Blog hat. Generell kann man auf den Fashionweeks viele nette, kreative und andersdenkende Menschen treffen und sich ein weltweites Netzwerk aufbauen. So habe ich auch viele Freunde gefunden.

I: Hast Du dabei vielleicht schon einmal Deine persönliche Stilikone getroffen? Oder gibt es überhaupt eine berühmte Persönlichkeit, deren Style du wirklich magst?
M:
Nein, ein aktuelles persönliches Stilvorbild habe ich nicht. Das liegt auch daran, dass meine Vorbilder hauptsächlich interessante Frauen aus der Vergangenheit sind: Coco Chanel, Grace Kelly und Frida Kahlo zum Beispiel. Aus der Gegenwart habe ich keine.

I: Hast Du vielleicht einen Lieblingsdesigner?
M(lacht):
Nur einen? Das ist wirklich schwer! Da muss ich mal mental meinen Kleiderschrank durchgehen… Ich besitze viele Stücke von Alexander Wang – meine halbe Garderobe ist voll davon. Seit kurzem bin ich auch verrückt nach Mary Katrantzou. Ich glaube, dass sie eine der ganz, ganz Großen werden wird. Generell kann ich jetzt aber erst einmal sagen: Ich mag Jungdesigner.

Diese türkischen Designer liebt Maritsa:

Hakan Yildirim (bekannt als Hakaan): Ein toller Jungdesigner, der sogar 2010, erst ein Jahr nach Label-Gründung, bereits den französischen Andam Award für seine Designs bekam (hier geht's zur Website).

Zeynep Tosun: Maritsa ist überzeugt, dass Zeynep bald die ganze Modewelt begeistern wird. Auf ihrer Website könnt Ihr Euch selbst ein Bild machen.

Maritsas Lieblingsshops:

By Retro: Der beste Vintage-Shop Istanbuls! Adresse:
İstiklal Caddesi Suriye Pasajı No.166

Beymen Blender: Ein toller Department-Store für aufstrebende Luxus-Designer. Auf der Website könnt Ihr schon einmal einen Eindruck gewinnen. Adresse: 
Bostan Sokak No:10 Nişantaşı Şişli, 34365 Istanbul

 

I: Gibt es auch Lieblings-Blogs, denen Du folgst?
M:
Ja, natürlich! Ich folge zum Beispiel Garance Doré, auch wenn der Blog eigentlich nur wenig mit Mode zu tun hat, checke ich ihn jeden Tag. Auch Karla's Closet mag ich gerne. Ich weiß zwar nicht, wo sie lebt, aber sie hat einen tollen Style! Sie ist komplett anders als ich, trägt gerne mal weite Röcke und Pin-Up-Outfits. Eigentlich gar nicht mein Ding, aber sie ist in ihrem Look sehr einzigartig, darum folge ich ihr auch.

I: Maritsa, wie lange brauchst Du eigentlich, um Dich morgens fertig zu machen?
Maritsa (lacht): Darin bin ich sehr schnell! Bevor ich gebloggt habe, habe ich ewig gebraucht, aber seit ich blogge, geht das schnell. Man schaut sich einfach oft Fotos von Outfits an und weiß irgendwann, was gut aussieht. Ich brauch auch eigentlich keinen Spiegel mehr.

I: Noch eine kleine Trendfrage zum Schluss: Was sollte dieses Jahr nach Deiner Meinung auf keinen Fall in den Schränken fehlen?
M:
Auf jeden Fall Anzüge! Mein Lieblings-Anzug wird ein weißer weiter Anzug mit Oversize-Blazer sein, der sehr locker fällt. Leider habe ich den perfekten noch nicht gefunden, aber ich bin auf der Suche! Weiße Anzüge werden generell ein It-Piece sein in dieser Saison. Genauso wie der Short-Suit übrigens! Blazer mit kurzen Hosen sind auch einfach cool.

Ansonsten trage ich diesen Sommer auch sehr viel Beachwear in Neonfarben, auch weil ich surfe. Ich bin richtig froh, dass die gerade so angesagt sind – letztes Jahr habe ich kaum welche gefunden. Kurztops mit High-Waist-Shorts werden auch Thema bleiben. Zum Glück, denn die Kombi ist auch einfach viel zu cool.

I: Vielen Dank für das Interview.

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